Claudio Abbado

Erinnerungen an Luigi Nono

Als ich Luigi Nono das erste Mal traf - das war in den sechziger Jahren - spürte ich gleich unsere innere Übereinstimmung in vielen Fragen des Lebens und der Kunst. Ohne daß wir es aussprechen mußten, herrschte zwischen uns inniges Verstehen.

Es war eine stille Freundschaft, mit einer Kommunikation, für die Gigi und ich eigentlich keine Worte brauchten. Bald dehnte sich unsere Freundschaft auf unsere Familien aus.

Keine Worte heißt nicht, daß wir nicht viel miteinander diskutiert haben. Gigi und ich führten lange Gespräche über Literatur, und immer wieder trat dabei Hölderlin in den Vordergrund, vielleicht als Gegenpol zu den politischen Schriftstellern, mit denen sich Gigi oft auseinandersetzte.

In seinen Kompositionen spüre ich deutlich seine Heimat Venedig. Im Hintergrund riß seine Bindung an die lange Tradition venezianischer Musik nie ab, erkennbar in seinem untrüglichen Gefühl für Raumklang, wie ihn etwa Gabrieli in San Marco praktiziert hatte. Auch Gigis Empfinden für Espressiviolinen, für Kantabilität überhaupt wurzelt in der Vergangenheit. Das alles dürfte mitgewirkt haben, daß seine Musik meiner Meinung nach dann am schönsten ist, wenn die menschliche Stimme deren Zentrum bildet, sei es solistisch oder chorisch.

Ebenso wichtig war für ihn seine Kenntnis der Musik Schönbergs, an der sich sein Sinn für das Gleichgewicht von Ausdruck und konstruktivem Denken schärfte.

Unsere erste Zusammenarbeit war zur Zeit der Entstehung von Como una ola de fuerza y luz für Sopran, Klavier, Orchester und Tonband. Wir probten in der Scala, Polllini erarbeitete den Klavierpart. Im Juni 1972 leitete ich die Uraufführung in Mailand.

Gleich darauf folgte als gemeinsames Projekt die „azione scenica“ Al gran sole carico d’amore, Juri Ljubimow war von Anfang an mitbeteiligt. Wir haben während der Probenzeit viel geändert, Gigi war praktischen Vorschlägen gegenüber zugänglich; die Uraufführung dieses Pollini und mir gewidmeten Werkes fand im Mai 1975 an der Scala statt. Auf meine Anregung hin schrieb Gigi daraus eine Suite, die ich in Köln uraufführte.

Die letzte Zusammenarbeit betraf wieder ein Hauptwerk, Prometeo, 1984 uraufgeführt in der eigens mit einer Akustikschale ausgestatteten devastierten Kirche San Lorenzo in Venedig. Zwei Dirigenten waren erforderlich; ich teilte meine Aufgabe mit Cecconi. Gigis Musik ließ alle Symptome seiner späten Werke hören: viele Inseln der Stille, wunderbar wandernde Raumklänge, klug eingesetzte Live-Elektronik, Nachspüren dem einzelnen Ton. Wir haben nach der Uraufführung viel über das Werk diskutiert, ich regte hier Verknappungen, dort Erweiterungen an, um insgesamt bessere Proportionen zu gewinnen, und Gigi hat vieles geändert, auch allzu kompliziert notierte Details ins Praktikable gebracht. Diese zweite Version stellte ich dann an der Mailänder Scala vor.

Ein Freund also, mit dem ich auch viel arbeitete; und so sind meine Erinnerungen an Gigi stark durchsetzt mit solchen, die - von Musiker zu Musiker - das Fachliche betreffen.

Eines aber möchte ich noch anfügen: Gigi war ein großzügiger, mitfühlender, gegen Ungerechtigkeiten jedweder Art beharrlich ankämpfender Mensch, und er war offen, offen auch für andere Komponisten wie etwa Kurtág oder Rühm - und nicht nur diese haben durch ihn viele neue Erfahrungen im Umgang mit Musik gesammelt.

(Claudio Abbado in: Inventionen ‘91, Musik im Februar, Berlin 1991)


mk/2003.01.15