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Lothar Scholz:

Schulprojekt Luigi Nono

"Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung", so schrieb Theodor W. Adorno 1969 in seinem Beitrag "Erziehung nach Auschwitz"1. Als fundamentale Zielsetzung reicht diese Forderung weit über den Inhaltsbereich einiger Schul-Fächer hinaus, sie ist pädagogisches Leitprinzip von Erziehung.

Ich möchte aus pädagogischer Sicht zu Il canto sospeso einige Anmerkungen machen:

  1. Luigi Nonos Il canto sospeso ist ein herausragender Beitrag zu diesem Postulat von Adorno. Es ist ein Werk, das sich aus zutiefst antifaschistischer Grundhaltung auf beklemmende Weise gegen Terror und Barbarei ausspricht.

    Obwohl es eine eindeutige Grundhaltung impliziert, vermittelt der Film keine Belehrung oder Agitation. Er ist ein untergründiger Appell an Menschlichkeit und Humanität, für Völkerverständigung und Toleranz.

    Der Film setzt sich mit der Barbarei des Faschismus und der Judenverfolgung auseinander, in dem er verschiedene ästhetische Mittel benutzt:

    Die Komposition dieser unterschiedlichen Stilelemente und ihre dramatische Aussagekraft führen zu einer starken Betroffenheit. Der Film rührt an und wühlt auf – provoziert Anteilnahme und Stellungnahme.

    Der Betrachter kann sich dieser Wirkung nicht entziehen. Der Film fordert heraus. Dabei kann er sowohl empathisches Erleben / Sich – hineinversetzen / Fassungslosigkeit / Wut/ Trauer/ bewirken als auch Abwehr und emotionaler Widerstand. Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, sich neutral zu verhalten.

    Man erlebt eine ästhetische Dissonanz zu gewohnten Rezeptions-mustern. Nonos Werk verläßt die bekannten Darstellungsformen politisch - historischer Themen, auch über den Nationalsozialismus.

    Die miteinander korrespondierenden musikalischen und filmischen Gestaltungselemente sprengen den Rahmen herkömmlicher Präsentationen – im absoluten Gegensatz auch zu filmischen Produktionen über den Faschismus, die allzu leicht und seicht, goutierbar und verdaulich das Grauen und die Barbarei präsentieren.

    Il canto sospeso ist sperrig, nicht leicht auszuhalten. Trotz aller Konkretheit ist der Film sehr artifiziell und abstrakt. Er verbindet geradezu das Abstrakte mit dem Konkreten. Und er verknüpft Emotionalität und Rationalität – eine Verbindung, die im Unterricht meistens zu kurz kommt.

    Im Gegensatz zu dieser Praxis gehen die neueren Lerntheorien von einem mehrdimensionalen Lernansatz aus, der Denken, Fühlen, Bewerten und Handeln integriert. Lernen ist nach diesem Verständnis eng mit emotionalen Fragen verknüpft. Sowohl für die Erkenntnis- und Urteilsbildung als auch für die Speicherung und das Abrufen von Informationen spielen Emotionen eine bedeutsame Rolle. Dadurch, dass der Film Il canto sospeso starke Emotionen hervorruft und eine emotionale Beteiligung des Betrachters herausfordert, fördert er die Nachhaltigkeit des Lernens – wirksamer als die rein nüchterne und rationale Auseinandersetzung mit diesem Thema.

  2. Der Film bietet von daher eine Vielzahl von Ansätzen für die Verwendung im Unterricht.

    Zunächst dazu einige Vorbemerkungen: wie bei jedem anderen Thema und Unterrichtsmedium auch hängt die Art und Weise, ja überhaupt die Frage, ob ein Medium eingesetzt werden kann und soll von den Voraussetzungen in der Lerngruppe ab. Je nachdem, wie der Lehrer / die Lehrerin das kognitive, emotionale und soziale Niveau seiner Schülerinnen und Schüler einschätzt, wird er den Film im Unterricht thematisieren – oder auch nicht.

    Der Film ist sehr anspruchsvoll und setzt eine hohe emotionale Reife voraus. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sein Einsatz auch mißlingt, in dem Sinne, dass der Film bei den Schülern so starke ästhetische Dissonanzen hervorruft, die sich in Abwehrmechanismen und Verweigerung ausdrücken. Dann kann aber und muß dann Anlaß sein, dieses Verhalten zu reflektieren.

    Deshalb wird man ihn vorwiegend ab der Klasse 11, eher 12 einsetzen können. Von seinem interdisziplinären Ansatz her eignet er sich vor allem für fachübergreifende oder fächerverbindende Projekte der Fächer Gemeinschaftskunde, Musik, Deutsch, Ethik, Kunst.

    Die Verordnung über die gymnasiale Oberstufe in Hessen verpflichtet die Schulen zu fächerverbindenden Ansätzen.

  3. Meine Gespräche mit Kollegen über den Film haben sehr unterschiedliche Einschätzungen bezüglich des Unterrichtseinsatzes selbst ergeben:

    – Zu den Voraussetzungen: eine Position ist: Es wird als absolut notwendig und unverzichtbar angesehen, dass die Musik Nonos vorher bekannt sein müsse oder besprochen worden sein müsse, um für die fremde Avantgarde – Musik im Vorfeld zu sensibilisieren und Rezeptionsbarrieren nicht entstehen zu lassen, die durch die Musik bei manchen hervorgerufen werden.

    – Im Gegensatz dazu eine Position, die mit einer andern Zielsetzungen verknüpft ist: Der Film soll ein eher meditatives, ästhetisches Erleben ermöglichen, nicht aufklärerisch, sondern dann als Ausgangspunkt für reflexive und selbstreflexive Betrachtungen sein. Welche subjektiven Empfindungen ruft der Film hervor, wie gehen wir damit um – mit meiner Betroffenheit, mit meinem Widerstand, mit dem empathischen Miterleben, mit emotionaler Abwehr ? Weshalb bewirkt der Film diese oder jene Reaktion ? Welche Rolle spielt die Musik ? Welche Assoziationen werden empfunden ? Die Liste der Fragen läßt sich selbstverständlich erweitern.

  4. Zu den thematischen Vertiefungen und Verzweigungen: Hier gibt es eine breite Palette möglicher Themenaspekte, die sich an die Betrachtung und Reflexion des Films anschließen; ich will hier nur einige Zugänge nennen:
    • Faschismus in Deutschland und Europa
    • Holocaust und Krieg
    • Mechanismen totalitärer Herrschaft
    • Täter – Opfer
    • Widerstand
    • Verantwortung und Rolle des Künstlers, der Kunst;
    • beispielhaft kann hier die Auseinandersetzung Nonos mit dem amerikanischen Avantgardisten Cache thematisiert werden;
    • Umgang mit der Geschichte, "Vergangenheitsbewältigung"
    • Unsere Verantwortung gegenüber der Geschichte
    • Krieg, Widerstand und Verfolgung aktuell, internationale Konflikte heute.
    • Anknüpfungspunkte bieten auch die einleitenden Worte von Umberto Eco, vor allem folgende Sätze:
      "Weil sich der neue Feind nicht mit glattrasiertem Kopf, schwarzem oder braunem Hemd und Hakenkreuz auf dem Ärmel zeigt. Das wäre nur eine traurige und beschränkte Folklore. Der neue Feind ist verkleidet. Manchmal im Zweireiher. Manchmal spricht er nicht die Sprache der Nibelungen, sondern die Sprache von Coca Cola. Er knirscht nicht mit den Zähnen, er lächelt. Er fordert uns nicht zum Krieg auf, sondern zum Glücklichsein. Und dennoch fordert er, das Andere, die Vernunft und die Tugend der Stille zu hassen."
    • Auch die berührenden Briefe der Widerstandskämpfer bieten sich als Zugänge für den Unterricht an.
  5. Zu produkt- und handlungsorientierten Arbeitsformen:

    je nach Diskussion- und Erkenntnisstand sowie Motivationslage einer Lernguppe empfiehlt es sich, mit den Schülern selbst ein "Werk" herstellen zu lassen – oder sie zu einer eigenen Verarbeitung des Themas nach dem Beispiel Luigi Nonos anzuregen. Das können produktive Arbeiten sein in Form von Text – Bild – Ton – Collagen, oder Features – auch der Einbezug von Zeitzeugen Befragungen bietet sich an.

Ich biete Ihnen an, diese Diskussion und Ihre Erfahrungen im Rahmen von Lehrerfortbildung weiter zu führen und auszutauschen.

Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Unterricht der Emotionalität und Individualität Raum läßt. Rein kognitive Bearbeitungen von Themen im Zusammenhang mit dem deutschen Faschismus sind keine Gewähr dafür, dass die Forderung Adornos an Erziehung, "dass Ausschwitz nicht noch einmal sei", eingelöst wird.

Lothar Scholz, HeLP Starkenburg (Hessen), anläßlich einer Lehrerfortbildung in Darmstadt. Dezember 1999 mit (Kultusministerin Karin Wolff), Michel Friedman und Präsident Vittorio Prodi.
  1. Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt 1969, S. 88
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